Samuel Herzog, Tischbild für den Wolkenhof, 29.9.2019






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Tischbild mit Lesung - Event am 29.9.2019





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Installation im Kunstfenster










Texte von Samuel Herzog und Jana Godet





FEIGE

Der Feigenpriester

Als der Priester von Duvet am Pfingstsonntag erwachte, hatte er statt seines Kopfes eine grosse Feige auf dem Hals. Er hielt gleichwohl die Heilige Messe ab. Als er aber nachher vor das Tor der Kirche trat, um seine Gemeinde zu verabschieden, schwebte eine riesige Taube vom Himmel herab und pickte ihm die Frucht von den Schultern. Man munkelt, das sei wohl der Heilige Geist gewesen – gleichwohl blieb das Priesteramt von Duvet bis zum heutigen Tage unbesetzt.

>Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









BLUMENKOHL

Mundstück Nr. 17

In Les Amazones de la voie lactée (1973), der etwas banalen Geschichte eines von kriegerischen Frauen durch allerlei Weltraumabenteuer gesteuerten Kampfschiffes, beschreibt die Autorin mit dem Pseudonym Uhoura einen von primitiven Humanoiden bewohnten Planeten namens Brassika, auf dem Blumenkohl (oder Karfiol, wie ihn die Österreicher nennen) ausschliesslich zu rituellen Zwecken angebaut wird. Wenn ein Streit zwischen zwei Stämmen ausbricht, dann versammeln sich Repräsentanten beider Gruppen in der Halle des Krieges, wo sie sich gegenseitig die wüstesten Beleidigungen an den Kopf werfen. In einem zweiten Schritt werden auf beiden Seiten ebenso viele Blumenkohl-Köpfe annihiliert, wie es Kontrahenten gibt. Nach Abschluss dieser kulinarischen Katharsis sind die Parteien gehalten, die Art des Sprechens über den jeweiligen Gegner zu verändern. Ausgiebig beschreibt Uhoura alle Details dieses Rituals – ein für die siebziger Jahre typischer Versuch, Modelle für unblutige Konfliktlösungen zu entwickeln. Dass die Autorin ausgerechnet den Blumenkohl als Peacemaker einsetzt, und nicht irgendein anderes Gemüse, ist natürlich kein Zufall. Form, Farbe und Grösse des Karfiols ähneln dem menschlichen Gehirn und machen den Kreuzblütler so zu einem idealen Stellvertreter in einem Ritual, welches die symbolische Totalvernichtung des Gegners vorsieht. Ganz besonders oft wird das menschliche Gehirn als Blumenkohl angesprochen, wenn Wahnsinn oder Dummheit mit im Spiel sind – ja es kommt einem manchmal vor, als sei der Blumenkohl eine Art Degenerationsform unserer zerebralen Zentrale. Es gäbe Beispiele zuhauf aus der Literatur – ein besonders farbiges Exempel liefert Gustav Sack (1885–1916). Wenn er in seinem Romanfragment «Paralyse» beschreibt, wie der Irrsinn an seinem Verstand nagt, dann kommt in dem Passus wie selbstverständlich auch der Blumenkohl vor: «Es ist totenstill und abertausend kleine Korkenzieher, immerfort, sie bohren in mir immerfort, in meinem Blut, in meinem Saft, in meinem Hirn, ah! dieser rotgescheckte Blumenkohl! Wie schwer er ist, wie Stein; [. . .] und in meinem hortensienroten Hirnblumenkohl wachsen tückische Granulationsgeschwüre, die degenerieren fettig und verkäsen.» Fast scheint es, als wirke das Bild vom vegetabilen Hirn in uns so stark nach, dass wir den Karfiol mitunter als eine Art Wesen ansehen. Wenn wir uns zum Beispiel einen Mann vorstellen, der sich auf einer Parkbank mit einem Blumenkohl unterhält, dann kommt uns das auf jeden Fall weniger seltsam vor, als wenn er dasselbe mit einer Tomate täte – oder etwa nicht? Auch abgesehen von seiner Hirnförmigkeit ist der Karfiol ein ganz ausserordentlicher Charakter. Allein sein Gewicht macht ihn schon zum Sonderfall in der sonst eher leichtlebigen Gemüsewelt. Und dann die Selbstverständlichkeit, mit der er sich von unseren Fingern umgreifen lässt, als wäre er aus unserer Hand herausgewachsen. Man könnte tanzen, mit einer Rosette in jeder Hand, einen feierlichen Blumenkohlwalzer – wenn wir das mit zwei Gurken täten, sähe es nach einer absurden Performance aus, mit Karfiol aber hätte es eine eigene Schönheit. Wenn man einen Blumenkohl aus den festen Blättern löst, die ihn wie ein Reifrock umgeben und noch majestätischer erscheinen lassen, dann spürt man, dass man da etwas Besonderes auspackt. Gurke oder Radieschen, Lattich und Kohlrabi, das sind alles eher Sklaven unseres Appetits – beim Blumenkohl aber ist das anders, er ist eine Perle, die wir mit Respekt berühren. Dabei soll, was wir als Blumenkohl essen, im Grunde die Missbildung einer Blüte sein – von Gärtnern in Kleinasien erdacht und erzüchtet, von den Genuesen oder den Venezianern im 15. oder 16. Jahrhundert nach Westeuropa verschleppt. Auf jeden Fall ist der Karfiol ein Embryo, eine Rosette aus Knospen mit stark verdickten Stengeln, die manche Köche mehr noch schätzen als die käsigen Teile – so belehrt etwa Frau Dörr in Theodor Fontanes Irrungen, Wirrungen die Schneidermamsell Lene: «Dass es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit ‚n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.» Roh hat der Blumenkohl einen hellen holzigen Duft und ein leicht pelziges bis nussiges Aroma mit einer leichten, etwas harzigen Schärfe. Gedünstet entwickelt er einen zurückhaltenden Kohlgeschmack mit Moschusnote. Seine Konsistenz, im akkurat gegarten Zustand irgendwo zwischen Marzipan und einem weichen Alpkäse, lässt ihn nährender wirken als anderes Gemüse, voll und reich. Dabei gibt er sein luxuriöses Fleisch grosszügig her, ohne grosses Wenn und Aber. Wollte man sich modisch geben, könnte man von einem barocken Gemüse sprechen. Vielleicht rührt es daher, dass sich der Blumenkohl trotz aller Käsigkeit im Mund auch immer leicht unwirklich anfühlt, als könnten wir das rechte Verhältnis zu ihm nicht finden, als sei er ganz gross und ganz klein zugleich, ganz nah und ganz fern – nicht ganz von diesem Planeten.

> Text aus: Samuel Herzog: Mundstücke. Zürich: Rotpunktverlag, 2017.









AUBERGINE

Die Wahrheit

Eine schusselige Biene, die immer alles durcheinander brachte, setzte sich eine Tages auf eine Aubergine, weil sie die Frucht für eine schwarze Blüte hielt. Die Aubergine spürte den sanften Kuss des Insektenrüssels auf ihrer Haut und verliebte sich sofort in das kleine Tier. Als die Biene weitersummte, flog ihr die Aubergine heimlich hinterher. Nach einer Weile allerdings bemerkte die Biene, dass sie verfolgt wurde und drehte sich um. In den Augen der Biene erkannte die Aubergine sofort, dass sie nicht fliegen konnte, stürzte ab und zerbarst in hundert Teile. Eine Biene mag eben noch so verwirrt sein, ihre Augen sagen doch immer die Wahrheit.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









Chicoré

Tuscheln im Keller

Der Chicorée aus Brüssel und die Champignons aus Paris waren sich einig: Es musste etwas geschehen. Von der Aubergine bis zur Zucchini durften alle tagaus tagein in Sonne, Luft und Regen baden. Die arme Zicchorie aber und der arme Pilz wurden ihr Leben lang in düsteren, feuchten Kellern gehalten – und durften sie endlich ans Tageslicht, dann bedeutete das auch schon und sofort das sichere Ende. Es musste also etwas geschehen, da war man sich einig, ganz und gar, ein Aufstand war angesagt, eine Revolution. Allerdings fühlte sich der Chicorée ganz wohl in seiner gut gedüngten Erde. Und auch dem Champignon gefiel das feuchte Bett aus Stroh und Mist, in dem er seine Mycelien herrlich in alle Richtungen ausstrecken konnte. Und so ermunterte der Salat den Champignon, dass er beherzt den Ausbruch wage – und der Pilz macht umgekehrt dem Brüsseler Mut, doch den ersten Schritt zu tun. So wird bis heute viel getuschelt und geklagt im Keller der Zichorien und der Champignons, heller aber ist es deshalb nicht geworden.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









CHILI

Mundstück Nr. 26

Natürlich ist Chili mehr als nur Schmerz. Er ist auch Frucht. Vor allem der exotische Flavour von Capsicum chinense nimmt es leicht mit jeder Passionsfrucht oder Mangostane auf. Und doch ist der Schmerz die Hauptsache – das Kernargument für Chili. Nur, was macht diesen Schmerz so interessant? Liegt es daran, dass wir ihn (meist) freiwillig auf uns nehmen? Oder daran, dass er vorübergeht? Auch den Schmerz beim Sport, den Anstrengungsschmerz nehmen wir freiwillig auf uns, und auch er geht vorüber. Allerdings müssen wir uns beim Sport zu dem Schmerz überwinden – wohingegen wir vom Chili überwunden werden. Der Chilischmerz ist also mit mehr Hingabe verbunden als der Anstrengungsschmerz, den wir uns meist aktiv zufügen. Das macht den Chilischmerz ein wenig unberechenbar – wie eine gefährliche Geliebte. Man könnte den Sportschmerz auch mit Onanie vergleichen – da hat man jederzeit im Griff, was passiert, kann seine Lust und schliesslich auch den Orgasmus punktgenau steuern. Beim Chilischmerz kommt ein dialektisches Moment hinzu, ganz als mische sich da ein zweiter Körper, ein zweites Begehren ins Lusterleben ein. Der Anstrengungsschmerz lässt uns den Schweiss genau dort aus dem Körper sickern, wo wir sein Austreten erwarten: auf der Stirn, in den Achselhöhlen, am Rücken etc. Der Chili aber treibt uns den Schweiss an ganz unerwarteten Stellen aus dem Leib und lässt uns so die Geographie unseres Körpers wieder und wieder anders erleben. Der Anstrengungsschmerz ist Heimat – der Chilischmerz aber macht die Heimat zum Neuland. Beim Anstrengungsschmerz konzentrieren wir uns auf unseren Körper, durch die Ausbildung unserer Muskeln werden wir dichter, kompakter – kurz der Anstrengungsschmerz bringt uns zu uns selbst zurück. Der Chili-Schmerz aber reisst uns von dem weg, was wir eben noch waren, er bewirkt, dass wir uns fremd werden, dass wir zu einer anderen Person mutieren. Wer eben eine heftige Chili-Attacke hinter sich hat und spürt, wie der Schweiss langsam feinste Salzkrusten auf seiner Haut bildet, kann am selbigen Tisch sitzen wie zuvor, er selbst ist doch nicht mehr der gleiche. Es ist als bewirke der Chilischmerz, dass wir ein Gefühl für die Zeit entwickeln, die ständig verändernd an uns tätig ist – so wie das sonst nur Reisen vermögen. Der Anstrengungsschmerz ist also etwas für Selbstsucher – der Chilischmerz aber ist etwas für Selbst-Eskapisten. All dies macht den Chili ein wenig gefährlich und provoziert, dass in unserem Leben für ein paar feurige Momente das Abenteuer sichtbar wird. Grund genug, wieder und wieder nach den Schoten zu greifen.

> Text aus: Samuel Herzog: Mundstücke. Zürich: Rotpunktverlag, 2017.









HERZ

Das Herz eines Ochsen

Ein Lastwagenfahrer, der für seine Raserei so bekannt war wie für seine Trunksucht, behauptete eines Tages, er habe das Herz eines Ochsen. «Es ist einfach viel zu stark für mich», erklärte er zwei Polizisten, die ihn auf der Straße angehalten hatten. «Ich kann ihm nicht widersprechen. Heute früh schon befahl es mir, einen ganzen Liter Weißwein zu trinken! Und mitten am Tag verlangte es nach einem großen Bier! Begreifen Sie meine Not? Ich bin seinem Willen vollständig ausgeliefert! Hätte ich bloß ein kleines Menschenherz, dann müsste ich auch nicht so schnell fahren, doch das mächtige Organ in meiner Brust drückt mir den Fuß aufs Gaspedal. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt?» Die Polizisten nickten: «Endlich verstehen wir, warum Du so viel trinkst», sagte der eine. «Du hast es sicher schwer, mit so einem Ochsenherz in der Brust, das dir sogar Deinen Durst diktiert», fügte der andere an. Da wurde der Lastwagenfahrer wütend: «Bloß, weil ich ein Ochsenherz habe, ist das doch noch längst kein Grund, mich zu duzen!», schimpfte er, legte den ersten Gang ein und raste davon.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









KAROTTE

Die schreckhafte Karotte

Eine kleine Karotte wurde ganz plötzlich von einem Insekt gestochen und erschrak sich so sehr, dass sie jählings aus dem Boden sprang. «Ich gehe da nie wieder rein», kreischte sie und deutete mit ihrem Kraut auf das Loch, das sie in der Erde hinterlassen hatte: «Ich gehe da nie wieder rein!» Alle anderen Karotten auf dem Feld waren schon etwas älter und erfahrener. Als sie die junge Karotte so schreien hörten, mussten sie deshalb tüchtig lachen. Sie lachten so lange und so heftig, dass sie sich dabei alle aus dem Erdreich schüttelten. Das wiederum löste bei der kleinen Karotte eine solche Panik aus, dass sie sofort in ihr Loch zurücksprang.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









KARTOFFEL

Grüne Kartoffeln

Ein Bauer in Granvan war berühmt für seinen goldenen Humor. Er kannte zahllose Witze und wusste sie so lebendig zu erzählen, dass ganze Tavernen sich vor Lachen schütteln mussten und die Tränen noch heftiger flossen als das Bier, das in Granvan bekanntlich in stolzen Mengen durch die Kehlen rauscht. Als Landwirt allerdings war der Bauer weit weniger begabt. Seine Ziegen gaben nur spärlich Milch, seine Früchte waren sauer und sein Gemüse blieb kläglich klein. Die größten Sorgen aber bereiteten ihm seine Kartoffeln, die einfach nie richtig reifen wollten, grün blieben, ungenießbar. Eines Tages klagte er sein Schicksal einem befreundeten Tierarzt, der für sein psychologisches Einfühlungsvermögen bekannt war. «Wenn etwas nicht wachsen will, dann ist oft Trübsinn daran schuld. Deine Kartoffeln sind traurig! Du kümmerst dich zu wenig um sie!», schimpfte der Arzt und empfahl: «Nutz doch dein Talent, heitere sie auf!» Am nächsten Tag ging der Bauer wie sonst seiner Arbeit auf dem Hof nach und hatte keine Zeit, sich um seine Sorgenknollen zu kümmern. Als es jedoch Abend wurde, nahm er eine Flasche Schnaps und einen Stuhl, schlurfte zu seinem Kartoffelfeld, setzte sich hin, nahm einen tüchtigen Schluck und begann, seinen immergrünen Wurzeln die schnurrigsten Witze zu erzählen. Die Kartoffeln von Granvan allerdings waren eine schlaue Bande, angeführt von einer Oberkartoffel, die durch spirituelle Exerzitien tiefere Einsicht in die Mechanismen von Erd- und Überwelt gewonnen hatte. Unter Anleitung dieses Gurus meditierten die Kartoffeln viel und erhielten sich so ihre grüne Farbe. Sie taten das mit Absicht, wussten sie doch, dass sie nur unreif den Sommer überleben würden. Als nun der Bauer mit seinen Witzen auffuhr, versetzten sich die Kartoffeln sofort in einen leichten Trancezustand. Denn Ausgelassenheit und noch schlimmer Zustände akuter Regression bewirken bei Kartoffeln eine beschleunigte Reifung – da hatte der Tierarzt durchaus recht. Der Bauer verschoss einen Witz um den nächsten, wählte die farbigsten Worte, zögerte die Pointen kunstvoll hinaus, schärfte nach und pfefferte auf. Doch nichts geschah. Von Zeit zu Zeit zerrte er eine seiner Knollen aus dem Boden – nur um festzustellen, dass sie grün war, wie eh und je. Die Nacht wurde dunkler und dunkler, die Flasche leerer und leerer, der Bauer müde und mutlos. Endlich beschloss er seine Schau mit einem besonders guten Witz, den er sich für den Tag aufgehoben hatte, an dem seine Frau die Geschichte mit der Wirtin entdecken würde. Kaum war er fertig, schlief er mit einem traurigen Grinsen auf den Lippen ein. Erlöst stiegen die Kartoffeln aus ihrer meditativen Tiefe auf. Eine ganz kleine Knolle, noch etwas unerfahren in Sachen Trance, hatte den letzten Witz des Bauern zwar gehört, aber die Pointe nicht verstanden. Während sich die übrigen Kartoffeln streckten und reckten, dachte sie über die Worte nach. Und plötzlich fiel der Groschen. Gewaltig rauschte ihr da der Zucker durch die Adern, machtvoll grollte es in ihrem Innern, die Würzelchen standen ihr zu Berge und das Zwerchtüchlein spannte sich wie ein Segel im Sturm. Schotenriss. Das haltlose Prusten und glucksende Kichern der kleinen Kartoffel übertrug sich sofort auf ihre älteren Artgenossen. Auch ihnen schoss der Saft machtvoll ins grün bewahrte Fleisch und sie reiften mit solcher Wucht nach, dass sie eine um die andere aus dem Erdreich spickten, gegen Himmel schossen, zerstäubten und endlich eine riesige Schliere bildeten am nächtlichen Firmament. Seit jenem Tag kann man die Spur der Kartoffeln von Granvan zwischen den Sternen am Himmelszelt sehen. Kartoffelstockstraße heißt die Erscheinung auf Lemusa, in anderen Ländern wird sie fälschlich Milchstraße genannt. Ob auch die Oberkartoffel das Schicksal ihrer Schützlinge teilt, ist unbekannt. Vielleicht sitzt sie immer noch in ihrem Loch und meditiert. Der Bauer soll seit jener Nacht keine Witze mehr erzählt haben – auch nicht als seine Frau das mit der Wirtin herausfand.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









MANGOLD

Die Poesie des Mangolds

Der Mangold ist das einzige Gemüse, das auf Poesie setzt, um zu überleben. «Seht, wie bleich unsere Haut durch die Nächte leuchtet», singen die einen, «wie unser Blätter Kamm sich schlängelt, Adern gleich. Die Bäume stehen schwarz und schweigen, doch aus den Wiesen steigen, wir Töchter des Mondes wunderbar. Edle schöne Kräutergeister!» «Schaut uns an», singen die anderen, «wie die Farben unserer Stiele das Sonnenlicht bejubeln, wie Bismuth, Kadmium, Safran und Blut durch unsere Reihen tanzen, wie Zinnober, Purpur, Scharlach und Karmin aus dem Frühling in den Sommer taumeln. Sattes Blattgrün macht sofort die Herzen munter. Wer uns am Tage sieht, schläft glücklich abends ein!» Allein der Bauer versteht die Sprache des Mangolds nicht. Ohne Zögern führt er sein Messer durch Reim und Trochäischen Vierheber, durch Hexameter und Alexandriner. Und so bleibt das poetische Streben des Mangolds geheim in seinem Tod.

> Text aus: Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa. Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.









NIERE VOM LAMM

Mundstück Nr. 88

Frisches Urin», schreibt Deon Godet, «verströmt einen der herrlichsten Düfte, die der menschliche Körper zu produzieren imstande ist». Dass man seine Möglichkeiten kulinarisch noch nicht ausgelotet und «wissenschaftlich akribisch untersucht» habe, hält er für «völlig unverständlich». Das sei, «als habe man eine weisse Trüffel aus Alba in der Hosentasche und lasse sie da einfach vertrocknen». Godet schlägt vor, den Urin vor allem mit milden Speisen zu kombinieren, etwa mit fettarmem Kalbfleisch, Jakobsmuscheln, Garnelen, frischen Nudeln oder Eiern. Dann allerdings räumt er seufzend ein, dass sich die Menschheit wohl derzeit nicht in seinem Sinne erziehen lasse – und schwenkt auf Alternativen ein, die er – wen wundert's – natürlich in der Gestalt tierischer Nieren findet. Den höchsten Rang räumt der Autor dabei der Lammniere ein, denn das Aroma der Rinderniere sei «zu offensichtlich», das der Schweineniere «zu fidel» und das der Kalbsniere viel «zu aristokratisch» – derweilen die Lammniere die «perfekte Balance» halte. Dem würde wohl auch Leopold Bloom zustimmen, der Protagonist des Ulysses von James Joyce. Dass Bloom mit Genuss Innereien verzehrt, ist ja das Allererste, was uns der Autor über seinen Protagonisten wissen lässt. Und wenngleich sich Bloom im Verlauf des Tages vor allem mit einer Schweineniere vergnügt, so gilt seine grösste Passion doch der Niere vom Lamm: «Most of all he liked grilled mutton kidneys which gave to his palate a fine tang of faintly scented urine.» Ob solcher Begeisterung für den feinen Urinduft der Lammniere können andere nur den Kopf schütteln. In jüngster Zeit sind vor allem im englischsprachigen Raum verschiedene Bücher erschienen, die sich die Renaissance des Innereienverzehrs auf die Fahne geschrieben haben. Die meisten Autoren neigen allerdings dazu, den Eingeweiden im Dienst ihrer hehren Mission alles abzusprechen, was irgendwie ungewohnt, unheimlich oder ungemütlich sein könnte. Jennifer McLagan etwa behauptet, dass Nieren so gut wie gar nie auch nur den leisesten Urinduft hätten. Das passiere alles nur im Kopf weil es den Leuten nicht gelinge «to overlook the function of kidneys in the body.» Sie fordert ihre Leser deshalb auf, sich dem Organ «without prejudice» zu nähern. Aber nimmt man einer Niere, wenn man ihr den Urinduft abspricht, nicht auch die kulinarische Bedeutung? Persönlich halten wir mit Mister Bloom den «fine tang of faintly scented urine» für durchaus würzig – und wenn es unsere Vorurteile braucht, damit wir ihn wahrnehmen können, dann setzen wir sie eben ein. Oder, um ein viel zitiertes Wort von Édouard Herriot zu paraphrasieren: «Il faut que ça sente la pisse, mais juste un peu». Die Niere vom Lamm hat eine Nierenform wie sie im Buche steht, markant gebogen mit runden Enden – so perfekt, dass man sie zu einer geometrischen Grundform erheben möchte. Die berühmte Nierenschale, in die unsere Mediziner die blutigen Tupfer und Pinzetten fallen lassen, könnte nach ihr geformt sein. Das ist keine Selbstverständlichkeit, man werfe zum Vergleich einen Blick auf die Nieren von Schwein oder Kalb. Die Farbe ist je nach Exemplar die von heller bis dunkler Milchschokolade, die Oberfläche hat einen leicht feuchten Glanz. Der Länge nach aufgeschnitten präsentiert sich die Niere wie ein kostbarer Organkristall, klar strukturiert. Fast meint man, Erdzeitalter müssten an solcher Perfektion gewirkt haben. Auf die schokoladefarbene äusserste Schicht folgt eine dunkel karmesinrot gefärbte, die dann im Innersten von einer dunkelrosa leuchtenden Zone abgelöst wird. Vom Hilum aus, also von dort, wo die Niere am Gewebe sitzt, wächst eine weissliche Blume ins Innere des Organs. Die Hitze des Bratens verändert die Farben, die Schichten aber sind weiterhin sichtbar. Alle Köche dieser Welt sind sich einig, dass die Nieren rosa serviert werden sollen. Aber was heisst schon rosa? Ähnlich wie bei der Leber ist auch der Zustand der Niere auf dem Teller keineswegs stabil. Beim ersten Schnitt mag einem etwas Blut entgegen tropfen, mag das Gewebe glasig wirken und etwas rau. Sekunden später scheint aller Saft plötzlich verschwunden, wirkt die Niere fast etwas ledrig fest. Im nächsten Moment aber ist das Blut wieder da und nun fühlt es sich an als führe man das Messer durch einen reifen Käse. Andauernd sind Säfte unterwegs in diesem Gewebe. Die Prozesse, die sich da vor den Augen abspielen, sie haben ihr Pendant am Gaumen. In einem Moment bestimmt ein feiner, durch Hitze transformierter Urinduft das Erlebnis, assoziieren wir Wiese, Heu und Stall. Dann schiebt sich eine leichte Süsse in den Vordergrund, eine metallische Karamellnote. Und zum Schluss wird ein rissiger Cantal aufgetischt. Es ist leicht abzuschätzen, wie unsere Gäste reagieren würden, setzten wir ihnen trüffelig duftende Nudeln mit der Bemerkung vor, wir hätten die Sauce aus unserem besonders aromatischen Morgenstrahl gekocht – Urban Saucening sozusagen. Da wird es auch nichts nützen, dass wir auf die Urintrinker Indiens und ihr Shivawasser, auf John Gregory Bourke und seine auf menschliches Pipi versessenen Rentiere oder auf Claude Lévi-Strauss hinweisen, der in der Vorstellungswelt von Amerikas Ureinwohnern eine enge Verbindung zwischen Harn und Salz als Substanz «am Schnittpunkt von Nahrung und Exkrement» ausgemacht hat. Wir werden uns deshalb wohl damit begnügen, dann und wann ein paar Lammnieren aufzutischen und uns daran zu erfreuen, dass durch ihr Bukett auch die Ahnung einer Delikatesse tänzelt, die, wenn auch nicht gänzlich unerhört, so doch wahrscheinlich unerlebt bleiben wird – oder, nun, auf jeden Fall unbeschrieben.

> Samuel Herzog aus: Journal culinaire. Nr. 17 (Fermentation). Münster: Edition Wurzer & Vilgis, 2013.









PAPRIKA

siehe Mundstücke CHILI











RADIESCHEN

Die Experimente des Radieschens

| Ein Radieschen stellte sich die Frage, ob so ein Regenwurm wohl auch eine Form von Lebensfreude empfinden könne. Als sich der nächste Wurm durchs Erdreich an ihm vorbeischob, setzte es deshalb sein freundlichstes Lächeln auf. Doch das Gesicht des Tiers blieb ausdruckslos. Dem zweiten Wurm machte das Gemüse allerlei nette Komplimente, doch der lange Bruder verzog keine Miene. Beim dritten Wurm stimmte das Radieschen sogar ein fröhliches Liedchen an, um irgendwo in der länglichen Masse aus braunem Fleisch für Aufhellung zu sorgen. Keine Reaktion. Aus diesen drei Experimenten zog die kleine Knolle fröhlich den Schluss, dass Lebensfreude nur im Leben eines Radieschens einen Platz hat.









SCHWEINEREIEN

Die Schweinewunderkammer

Er macht alles anders. Bei seinen Kollegen links und rechts liegen die Innereien vom Schwein auf einem Haufen zusammen – verbunden noch im Verein, in dem sie dem Tier zum Leben dienten. Wenn ein Kunde ein bestimmtes Organ haben möchte, dann greift der Fleischer mit den Händen tief ins Gekröse hinein, tastet sich durch, sucht, schüttelt die blutigen Schlingen voneinander los und zerrt schließlich die Niere, die Leber, die Lunge oder das Herz aus dem Gewühl. Er hebt das Stück hoch, schaut den Kunden fragend an, der nickt, ein scharfes Messer löst das Gewünschte vom Ungewünschten, der Rest plumpst einem schlafen Blutsack gleich in die Ausgangsposition zurück. Der Metzger am Stand aber, vor dem ich stehe und staune, liebt die Übersicht. Der Darm und die Ohren, die vordere Hälfte des Gesichts, die Haxen, die Nase, das Bauchfett, der Magensack, das Zwerchfell und nicht zuletzt Doh snam, die herrlichen Würste aus Blut und etwas Schweinefett, die das Volk der Khasi sosehr liebt, sind ordentlich nebeneinander an die mit einem Blech verkleidete Wand seiner kleinen Bude gepinnt. Es kommt mir vor, als wolle der Meister seiner Kundschaft erklären, wozu welches Teil dem Schwein nützlich war – oder wie man ihm in der Küche akkurat zu Leibe rückt. Ich fühle mich an didaktische Tafeln erinnert, wie sie früher in Schulen üblich waren, aber auch die Bilder von Wunderkammern kommen mir in den Sinn – etwa das ‹Museum› des dänischen Physikers Ole Worm. Und natürlich der Spruch vom Schwein, in dem alles gut sein soll – beim Anblick einer so schönen Ausstellung glaubt man jedenfalls gerne, dass daran etwas wahr sein muss.

> Text aus: Samuel Herzog: Indien im Augenblick. Oder vom Abenteuer einer Reise ohne Ziel. Zürich: Rotpunktverlag, 2019.









ZUNGE

Die Zunge ist ein Metaphern-Bomber, der über unserer Sprache kreist und uns immer wieder Gleichnisse in die Sätze schiesst. Es gibt kein anderes Organ, nicht einmal das Herz, das uns in einem ähnlichen Ausmass Bilder beschert – wer auch nur die aufzählen möchte, die ihm auf der Zunge brennen, dem hängt sie bald einmal zum Hals heraus. Dass wir uns – jenseits aller Metaphern – in die eigene Zunge beissen, kommt dann und wann vor. Eigentlich erstaunlich, dass es nicht öfter geschieht – schiebt sich das Organ doch andauernd zwischen unsere Zähne, als wolle es uns ein Stück voraus sein. Dazu passt auch, dass die Zunge manchmal vorschnellt, um Dinge zu sagen, die wir nicht sagen wollen – als hätte sie ihren eigenen Willen und Verstand. Also klemmen wir sie zwischen unseren Zähnen fest, was sich anfühlt, als kauten wir auf unserer Sprache herum. Dass Zunge und Sprache eins sein müssen, lehrt nicht nur das lateinische lingua, man erfährt es auch beim Küssen, das ja nichts anderes ist als ein Gespräch ohne Worte. Das Küssen wäre auch eine Gelegenheit, einem anderen Wesen in die Zunge zu beissen – was aber seltsamerweise so gut wie nie geschieht. Wenn wir unsere Zähne in fremde Zungen schlagen, dann sind es meist die von toten Rindern, Kälbern, Schweinen oder Lämmern – in asiatischen Regionen kommen auch die Organe von Pferden, Enten, Yaks und Walfischen auf den Tisch. Wenn diese tierischen Zungen in feinen Scheiben oder in Gelee vorliegen, dann bewegen sie in unserem Gemüt kaum mehr als ein Schinken. Ganz anders fühlt es sich an, wenn wir uns mit dem Küchenmesser an einer ganzen Rinderzunge zu schaffen machen – oder uns etwa ein Stück von der feinbuckeligen Spitze des Organs in den Mund schieben. Fast erwarten wir, dass wir den Schnitt in der eigenen Zunge spüren – und staunen, dass wir den zart gekochten Muskel so schmerzfrei kauen können. Wir schmecken etwas, das selbst geschmeckt hat, das auch uns hätte schmecken können. Kein anderes Fleisch führt uns so nahe an das Gefühl heran, wir ässen ein Stück, das auch ein Stück von uns selbst sein könnte. Das hat auch damit zu tun, dass dem Schneiden und Essen von Zunge stets etwas Unerhörtes anhaftet – als sei da etwas zum Schweigen gebracht, als sei ein Wort unvernommen verhallt. Wir zögern beim Biss in die Zunge weil wir in demselben Moment spüren, dass auch unser eigenes Sprechen aus Fleisch entsteht und also sterblich ist. Die Sterblichkeit unseres Körpers ist das eine – der Biss in das zartfeuchte Fleisch einer Zunge aber erinnert uns an die Sterblichkeit unserer Sprache.

> Eine etwas kürzere Version dieses Textes erschien am Samstag, 15. März 2014 als Teil der Serie Mundstücke (2) im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung, S. 54.







 

Samuel Herzog
Ein Tischbild für den Wolkenhof

1.10-1.12.2019

Die Tischbilder von Samuel Herzog sind einerseits flüchtige Kunstwerke, die nur für einen kurzen Augenblick bestehen, ehe sie verspiesen werden und so verschwinden. Andererseits bestehen sie als ornamentale Fotoarbeiten fort, welche Lebensmittel vor schwarzem Hintergrund in neue, überraschende oder ungewohnte Zusammenhänge stellen.

Für den Wolkenhof hat sich Samuel Herzog auf kulinarische Entdeckungsreise in Murrhardt und Umgebung begeben. Mit regionalen Produkten hat er ein Tischbild zusammengestellt: Wir blicken auf die Rückseite einer Leinwand. Keilrahmen und Kreuz begrenzen vier Bildfelder. Links oben bestaunen schwäbische Kartoffelbauern gewaltige Wolkenformationen aus Radieschen und Blumenkohl. Rechts oben hat Heinrich von Zügel ein kleine Lämmerherde gemalt: Niere, Herz und Zunge werden gebraten, roh und gekocht dargeboten. Rechts unten tauchen wir in die Römerzeit ab. Eine Gruppe karottöser Legionäre samt Centurion wartet auf den Angriff der Barbaren. Zum Glück geschützt von einem grossen Schild aus regionalen Wurstspezialitäten. Links unten schliesslich betreten wir den Garten der ‘Giardiniera’ - ein Gruss an Liese Hegenbarth, die am Wolkenhof einst einen grossen Gemüsegarten unterhielt.

Im Fenster sind nun 12 aus diesem Tischbild isolierte Elemente zu sehen. Zu allen Elementen gibt es Texte von der lemusischen Autorin Jana Godet oder von Samuel Herzog. Eine Auswahl dieser Texte wurde am 29. September beim Verspeisen des Tischbildes vorgelesen.

Samuel Herzog
geboren 1966, bewegt sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und auf dem Internet vorstellt.
www.samuelherzog.net




Samuel Herzog’s Tischbilder – table pictures – are ephemeral works of art. They just exist for a short moment before they are eaten up and vanish. But they persist as ornamental photographic work contextualizing food in a new, surprising or unusual way.

For his Wolkenhof project Samuel Herzog went on a culinary discovery trip to the Swabian province. He arranged a Tischbild with local products: We look to the backside of a canvas. Stretcher frames and the cross confine four frames. On top at the left side Swabian potato growers are gazing to an impressive cloudscape formed by radish and cauliflower. On the right side ‘Heinrich von Zügel’ just finished painting a small flock of lambs. Kidney, heart and tongue are offered boiled, raw and fried. Downright we descend to Roman times. A cohort of carrot legionaries is expecting the Barbarian attack. Luckily they are well protected by a big shield of local sausage specialities. Downleft finally we enter the ‘Giardiniera’s’ garden, greetings to Liese Hegenbarth, who once was raising up a huge vegetable garden at the Wolkenhof premises.

In the window you can see 12 isolated elements out of the Tischbild. There are accompanying texts to all of them either written by the Lemusean writer Jana Godet or by Samuel Herzog.
A selection of these texts was read during an event at September 29, while the Tischbild was eaten.

Samuel Herzog
born in 1966 crosses the borders between fine art, literature and journalism. He writes about his journeys, follows up culinary issues and works on artistic and literary projects like the fictional island ‘Lemusa’. The rich and diverse Lemusean culture is presented since 2001 in museums, publications and on the internet.
www.samuelherzog.net